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Mittwoch, 9. November 2016

Stimme für Frauen

In allen Medien in ausgezeichneten Beiträgen

Hannover. Wie steht es um die mediale Darstellung von Frauen und Mädchen in Deutschland, in Europa, in der Welt? Welches Geschlechterbild wird vermittelt, welche Themen kommen im Fernsehen, im Hörfunk oder online zur Sprache? Mit dem Juliane-Bartel-Medienpreis hat Niedersachsens Sozial- und Gleichstellungsministerin Cornelia Rundt heute Abend Autorinnen und Autoren ausgezeichnet, deren Fernseh-, Hörfunk- oder Online-Beiträge ein differenziertes und geschlechtergerechtes Bild von Frauen und Männern zeichnen oder geschlechterspezifische Probleme schildern. Zum dritten Mal werden auch Videoclips prämiert.

„Unsere Preisträgerinnen und Preisträger geben Frauen eine Stimme und statten ihre Rollen mit gesundem Menschenverstand und Klugheit aus. Sie beleuchten kulturell geprägte Geschlechterbilder und stellen Gewohntes in Frage. Das ist leider nicht selbstverständlich, aber umso preiswürdiger. Die Autorinnen und Autoren solcher Medienbeiträge tragen so zu einem differenzierten Bild von Frauen bei", sagt Niedersachsens Sozial- und Frauenministerin Cornelia Rundt. Mit Blick auf die Medienproduktionen betont die Ministerin, dass diese immer noch stark männlich geprägt seien. „Ich wünsche mir einen größeren Anteil von Frauen in Entscheidungspositionen bei den Sendeanstalten als Abbild der sozialen Realität, aber auch mehr Frauen als Produzentinnen oder Drehbuchautorinnen. Damit verbinde ich die Hoffnung auf eine größere Rollenvielfalt."

Aus insgesamt 140 Bewerbungen aus den Bereichen Fernsehen, Hörfunk und Internet wurden heute Abend die Preisträgerinnen und Preisträger geehrt. Der Juliane Bartel Medienpreis ist mit insgesamt 15.000 Euro dotiert und wird in Kooperation mit dem NDR und der Niedersächsischen Landesmedienanstalt verliehen. Er ist nach der Journalistin Juliane Bartel (1945 - 1998) benannt, die als gradlinige, kritische sowie humorvolle Person für einen fairen und glaubwürdigen Journalismus steht.

Ausgezeichnet wurden:

  • Kategorie Fernsehen, Fernsehfilm und -serie:

Titel: „Leberkäseland"

von Nils Willbrandt

ARD Degeto, 88:51 min.

Istanbul 1962. Die dreifache Mutter Latife feiert ihre bestandene Aufnahmeprüfung an der Uni. Doch ihre akademische Laufbahn endet, bevor sie begonnen hat. Denn ihr Mann Burhan soll die Zahnarztpraxis seines verstorbenen Vaters in Deutschland weiterführen. Für die freigeistige Latife bedeutet dieser Wechsel ins kleinstädtische Moers einen Rückschritt in enge traditionelle Verhältnisse mit Schlager, Gebäck und Leberkäse. Doch sie gibt nicht auf. 14 Jahre später ist ihre deutsche Welt eine andere. Ihre Töchter sind zu modernen, emanzipierten jungen Frauen herangewachsen, sie selbst hat ihren Doktor für Mathematik der Universität Köln in der Tasche und freut sich auf eine Professur, während Burhan weiter Zähne zieht.

Der auf dem Roman 'Tante Semra im Leberkäseland' von Lale Akgün basierende Film erzählt mit großem Einfühlungsvermögen und viel Humor aus dem Leben einer türkischen Einwanderer-Familie, die ihrer Zeit und der deutschen Gesellschaft weit voraus ist. Angesiedelt zwischen Bosporus und Rhein in den 60er und 70er Jahren, entfaltet sich hier eine erfreulich ungewöhnliche Integrationsgeschichte, kommt doch eine großbürgerliche Familie mit kemalistisch-atheistischem und feministischem Hintergrund in die deutsche Kleinstadt.

Der Film überzeugt in seinen differenzierten Figuren, den selbstironischen Kommentaren der Ich-Erzählerin, der filmischen und schauspielerischen Klasse, der Detailgenauigkeit bei der Originalmusik und liefert ein toll erzähltes Beispiel für gelungene Integration und Emanzipation.

  • Kategorie Fernsehen, Dokumentation, Reportage, Feature, Magazinbeitrag ab 10 Minuten Länge:

Titel: „Der Jungfrauenwahn"

von Güner Yasemin Balci

ZDF, 86 min.

Was bedeutet es, muslimisch zu sein und in einer freien Gesellschaft zu leben? Wie verträgt sich die Herkunftskultur der Eltern mit den eigenen Wünschen? Welchen Stellenwert hat das Gebot der Jungfräulichkeit für junge Menschen aus Einwandererfamilien? Die in Berlin-Neukölln als Tochter türkischer Einwanderer aufgewachsene Journalistin und Filmemacherin Güner Yasemin Balci hat sich schon früh mit der Frage befasst, warum es immer wieder ihre muslimischen Nachbarn sind, die ihren Kindern das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verwehren. Der Psychologe Ahmad Mansour, die Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates, die Femenaktivistin Zana Ramadani und die junge Studentin Arife Yalniz sind die Protagonistinnen des Films. Welchen Preis mussten sie persönlich zahlen, um frei zu sein und welche Strategien und Antworten haben sie zur Praktizierung eines zeitgemäßen Islam?

In ihrem subjektiv erzählten Film bekommt die Journalistin und Filmemacherin Güner Yasemin Balci sehr persönliche Antworten auf existentielle Grundfragen für alle, die als Muslime in demokratischen Gesellschaften leben wollen. Sie beleuchtet mithilfe ihrer Protagonist*innen sowie Zitaten aus dem 900 Jahre alten, nach wie vor maßgeblichen 'Buch der Ehe' plausibel die durchgehende Sexualisierung des Alltags mithilfe von Jungfrauenwahn und Verschleierung, die Überforderung durch das Leben zwischen zwei Kulturen für Frauen und Männer, das System von moralischem Druck und kompromissloser Ausgrenzung gegenüber allen, die sich nicht den Regeln beugen.

Güner Yasemin Balci begibt sich auf eine ebenso spannende wie überzeugende Entdeckungsreise aus der Innensicht. Der Film wird so zu einer komplexen Auseinandersetzung mit den Positionen des Islam zu den Themen Frau und Sexualität. Er formuliert nach Generationen- und Geschlechterzugehörigkeit differenzierte Antworten, die erschreckende und Mut machende Ansichten eröffnen. Ruhig und unaufgeregt, legt der Film gesellschaftliche Befunde dar, lotet Konsequenzen aus und entwickelt Perspektiven. Informativ und ermutigend - ein toller Beitrag zu einem hochaktuellen Thema!

  • Kategorie Fernsehen, Dokumentation, Reportage, Feature, Magazinbeitrag bis 10 Minuten Länge:

Titel: „Bangladesch: Die mutigen Surferinnen von Cox's Bazar"

von Gábor Halász

ARD, 6:38 min.

In Cox's Bazar im Süden von Bangladesch besuchen junge Mädchen wie Sumi eine Surfschule. Sie müssen sich diese Freiheit schwer erkämpfen, denn in der konservativ islamisch geprägten Gesellschaft haben Frauen kaum Rechte und werden schon mit 14 Jahren verheiratet. Nasima ist 18 Jahre alt und Mutter. Sie gehörte zu den besten Surferinnen des Landes. Doch seit sie verheiratet ist, spielt sich ihr Leben nur noch zu Hause ab, streng kontrolliert durch den Ehemann. Sumi will Ärztin werden und nur einen Mann heiraten, der ihr das Surfen erlaubt - noch wird sie von ihren Eltern dabei unterstützt.

In knapp sieben Minuten gelingt Gábor Halász eine emotional anrührende Reportage über Surferinnen im islamisch geprägten Bangladesch, die sich ihre Sehnsucht nach Freiheit von traditionellen Rollenbildern und der Übermacht gesellschaftlicher Konventionen nicht kaputt machen lassen wollen und nach einer eigenständigen selbstbestimmten Perspektive streben. Der Auslandskorrespondent findet für die zugleich deprimierende und ermutigende Reportage tolle Protagonistinnen und die richtigen Worte, um den kämpferischen Frauen von Cox's Bazar den nötigen Raum für ihr zutiefst berechtigtes Anliegen zu bieten.

  • Kategorie Hörfunk:

Titel: „Krank und schlank - Gelbe Karte für Antibabypillen der 3. und 4. Generation"

von Henriette Wrege

rbb kulturradio, 55:29 min.

Die moderne Antibabypille ist zu einem Lifestyle-Produkt geworden, mit dem junge Mädchen Akne und überflüssige Pfunde bekämpfen. Diese Pillengeneration steht aber auch unter dem Verdacht, junge Frauen krank zu machen, sogar zu töten. Weltweit sind entsprechende Klagen anhängig, allein in den USA zahlte der Bayer-Konzern bereits über 2 Milliarden Dollar Schadenersatz.

Henriette Wrege präsentiert in ihrem investigativen Hintergrundfeature zu den Antibabypillen der 3. und 4. Generation aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und schildert die Auseinandersetzung von konzernkritischen Organisationen mit Bayer und Tochterunternehmen. Sie belegt die massiven, teils tödlichen Folgen der Einnahme, setzt sich mit dem begrenzten Regelungswillen von Bundesregierung und Berufsverbänden auseinander und geht der Veränderung der Pille weg von der Verhütung hin zu einem Lifestylemedikament zur Selbstoptimierung nach, das jede Menge Profit bringt. Sie bilanziert den Stand der Schadenersatzklagen weltweit.

Der Beitrag greift ein vor allem für junge Frauen enorm wichtiges Thema auf und positioniert sich klar gegen die Profitorientierung des Bayern Konzerns.

  • Kategorie Onlinevideos:

„Dating ohne Date"

https://vimeo.com/153969390

von Nana Heitmann und Jonas Völpel

Eine Multimediareportage über Christine Wagner und Gianni Bettuce, die eine Familie entgegen der klassischen Vorstellung auf freundschaftlicher Basis gründen. Beide leben in gleichgeschlechtlichen Beziehungen und wollen zugleich Mutter und Vater für ein gemeinsames Kind sein. Sie wollen zeigen, dass Frauen und Männer gemeinsam für ein Kind da sein und es erziehen können, auch ohne eine feste Beziehung zu haben.

Auszeichnung

„Fairsprechen"

https://www.youtube.com/watch?v=UnB0hIWuclw&feature

vom Interkulturellen Frauen und Mädchen Gesundheitszentrum HOLLA e.V.

Ein Film von elf- und zwölfjährigen Mädchen, die sich wünschen, auch in der Sprache fair vorzukommen. Eine Schulklasse kommuniziert in dem Beitrag sowohl in geschlechtergerechter und unter anderem in „männlicher" Sprache. Die Schülerinnen und Schüler wollen somit auf den alltäglichen Umgang mit der Sprache aufmerksam machen.

Erst wenige Stunden vor der Preisverleihung hat die Fachjury ihre Diskussion beendet und sich auf die Siegerbeiträge geeinigt. In diesem Jahr waren dabei:

  • Denise M'Baye (Schauspielerin)
  • Ilka Eßmüller (Moderatorin RTL-Nachtjournal)
  • Julia Fritzsche (Radio- und Fernsehjournalistin)
  • Andreas Neumann (Leiter „ARD Aktuell", Radio Bremen)
  • Heide Oestreich (Redakteurin Geschlechterpolitik, taz)
  • Nils Pickert (Journalist und Autor)
  • Anja Reschke (Journalistin und Moderatorin, NDR

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